Mitte Oktober hatte der Handelsverband Hannover (HVH) seine Mitgliedsunternehmen, Partner und Dienstleister des Handels sowie Vertreter aus Politik und Medien zu seiner jährlichen Öffentlichen Delegiertenversammlung in das Handelshaus nach Hannover eingeladen. Um herauszufinden, was Kunden wollen und wie mutig der Handel deshalb sein sollte, hatte der HVH zwei ausgewiesene Handelsexperten eingeladen.

Zur Begrüßung erläuterte HVH-Präsident Bernd Voorhamme, dass es dem Handel in Deutschland insgesamt noch recht gut gehe und die Prognose von zwei Prozent Umsatzwachstum voraussichtlich erreicht werde. Allerdings gehe die Schere zwischen Stadt und Land einerseits sowie großen und kleinen Unternehmen andererseits immer weiter auseinander. Wachstumstreiber bleibe der Onlinehandel. Die Digitalisierung bestimme nach wie vor die Diskussion. Mehr denn je komme es jetzt darauf an, dass jedes Unternehmen seine individuelle Strategie entwickle und sich den zur eigenen Marke passenden Digitalisierungscocktail mixe.

Ayhan Yuruk von #Showrooming, der Garage in Berlin, die vor allem puren Onlinehändlern den Weg in den stationären Handel aufzeigt, erläuterte, wie Künstliche Intelligenz und Digitalisierung den Handel von heute verändern, wie sehr aber auch der Online- und der stationäre Handel zusammen gehören. Yuruk, der viele Jahre das Unternehmen Villeroy & Boch beraten hat, berichtet von der häufigen Beobachtung, dass auch die Online-Umsätze zurückgehen, sobald eine stationäre Geschäftsstelle geschlossen wird. „Die Hauptbühne ist das reale Leben“, sagt Yuruk. Sein fast schon mantrahafter Appell an die Händler lautet, konsequent vom Kunden her zu denken. Bad retail is dead – Schlechter Handel ist tot. „Im Internet gibt es keine Schlangen an den Kassen“, so Yuruk. Warum sollen die Kunden dann im Laden noch warten?

Als gelungene Beispiele aus der Praxis nannte Yuruk unter anderen Away, wo Koffer und die Lust am Reisen verkauft werden und Caspers, die ihre hochwertigen Matratzen nur in Pop-up Stores und mit Lifestyle-Ambiente präsentieren.

Alexander von Keyserlingk, Gründer der Initiative Slowretail.com und derzeit für die Museumsshops in Weimar verantwortlich, ist seit jeher begeisterter Anhänger des Inhabergeführten mittelständischen Einzelhandels. Die Zukunft gehört dem Einzelhandel mit Seele, ist seine Überzeugung, wofür er zahlreiche Beispiele und Belege mitgebracht hatte. Er empfiehlt jedem Händler, sich und sein Unternehmen zur Marke zu machen. „Gehen Sie raus aus der Vergleichbarkeit“, so von Keyserlingk.

„Heben Sie Ihre Ware besonders hervor, stellen Sie sie auf einen Thron“, nennt er das Beispiel einer Modehändlerin, die jeden Tag das Outfit des Tages dekoriert. Er macht allen Händlern Mut, sich gegen die Langeweile von Einheitsmaßen und Industrievorgaben zu stellen, sondern stattdessen auf Individuelles und Außergewöhnliches zu setzen. Statt Lage zählt heute immer mehr Konzept.

Als Beispiele zum Selber-Googlen und -Besuchen nennt er unter anderen The Golden Rabbit, ein Geschäft rund um Pflanz- und Gartenbedarf in Düsseldorf, Slowroom, ein Fahrradgeschäft in Madrid, die GreenGlam Apotheke für Naturkosmetik in Augsburg und Uwe van Affden, Herrenmoden in Düsseldorf.

 


Mehr digital oder emotional, das ist hier die Frage.


Beim anschließenden Get-together (v.l. Thomas Adamski, Willi Klie, Alexander Grosse)